Warum müssen aus dem Gesicht eines schönen Mädchens, wenn es nach der Dogmatik moderner Architektur geht, Wimpern, Nase und Lippen entfernt werden? Weil es sich um Ornamente handelt. Sie dienen zu nichts, außer das Gesicht ihrer Trägerin zu schmücken. Und bloßer Schmuck, also Ornament, ist “Verbrechen”, hat Adolf Loos, einer der Urväter moderner Architektur, gesagt. Funktionell muß alles sein! Also halten wir alle schönen Mädchen mit ihrem Gesicht über z.b. über eine heiße Herdflamme, einen Bunsenbrenner, ein Lagerfeuer, einen Grillrost, usw, bis alle diese schrecklichen Ornamente aus dem weiblichen herausgebrannt sind und ein haarloser Narbenkopf verbleibt.
Wie? Das gefällt Ihnen nicht? Haben Sie denn gar keinen Feinsinn? Keine Sensibilität und kein Verständnis für die großen, uns von der modernen Archtektur offenbarten Zusammenhänge? Sind Sie denn wirklich ein solch unsensibler Klotz, dass Ihnen die uns von der Moderne geschenkten Betonklötze nicht gefallen? Schließlich ist auch ein Gesicht ein architektonisches Gebilde, also müssen die Dogmen moderner Architektur auch hier gelten.

Aber gut, vielleicht haben wir Loos mißverstanden. Vielleicht sind Ornamente dann erlaubt, wenn sie einem höheren Zweck, also (auch) einer höheren Ästhetik, dienen. Oder sagen wir es so (wie nämlich Aristoteles), dass “das Ganze mehr sein muß als die Summe der (schnörkeligen) Einzelteile.” So glaube ich es eher, denn Loos war keineswegs schwachgeistig, und der hochverschnörkelte und hochverzierte Innenraum des Stephansdoms hat ihn zu Begeisterungsstürmen hingerissen.
Aber das ist nicht die Frage. Sondern, wie die moderne Architektur die Lehrsätze ihrer Urväter versteht. Um sich das zu beantworten, fahre man in irgendein niederösterreichisches Kaff, und sehe sich an, was dort, an den Ortsrändern gebaut wird: Voilette, sich periodisch wiederholende Land-Betonklötze, die so häßlich sind, dass ich lieber die Zehen eines direkt von der Arbeit kommenden bulgarischen Bauarbeiters lutschen würde, als fünf Sekunden auf so ein Ding zu schauen. Fertigteilreihenhäuser, gegen die die alten Eternit-Bruchbuden aus den 1970ern den Charme eines französischen Renaissanceschlößchens aufweisen, Betonkübel, gegen die jede Depression Erlösung bedeutet.

Auf die Entegegnung, das seien eben einfache Unterkünfte, da könne man nicht zuviel investieren usw., frage ich mich allerdings, wieso es dann früheren Generationen gelungen ist, zwar einfache, vielleicht auch spießige, aber durchaus nicht abstoßende Bauten zu errichten, zumindest solche Dinger, in denen man gerne Weihnachten feiern würde…..
Auch habe ich schon oft gehört, dass die einfache Landbauweise die künstlerische Intention moderner Architektur nicht zu verwirklichen imstande sei, sie sei quasi in jener Einfachheit verschüttet. Von der Frage abgesehen, wie sich eine Architektur rechtfertigen will, die sich nur in Mammut-Projekten auszudrücken versteht, ist doch das Ergebnis durchschnittlicher moderner Stadtarchitektur ebenso zum Kotzen, als gutes Beispiel dient das St. Pöltener Landhausviertel:

Riesige grüne Glasstahlbetonklötze, denen die glatte Fassade zum Fetisch geworden ist. Auf die Frage, dass dieses Ding potthäßlich sei, kommt dann meistens die Antwort, dass ja die Schönheit in der Funktionaltät liege. Also sehen wir uns die Funktionalität an: In den riesigen widerlichen alptraumhaften Glasfassadenschluchten wird der Wind derartig kanalisiert, dass die kleinste Brise den stärksten Mann umhaut. Ein durchschnittlicher Winterwind verursacht subjektive Temperaturen von -40°C. So ein Zufall auch, dass keiner dort gehen, wohnen, leben will. Übrig bleiben riesige geisterhaft leere Häuserschluchten, die einfach nicht nach der Computeranimation aussehen wollen, die man für jenes Projekt erstellt hat: Irgendwie fehlen die 2000 jungen Mädchen und schnieken Anzugträger, die sich auf den sommerlich-windstillen Flächen tummeln. Scheiße aber auch.
Oder, anderes Beispiel, irgend so ein Project-Building in Wien-Donaustadt: Dort gehen zwar (zwangsläufigerweise) genügend Leute herum (aber auch nur, weil sie zu ihrem Auto müssen, um möglichst schnell abzuhauen), aber alles drumherum ist auf so ekelerregende Weise steril und in dieser Sterilität tatsächlich größenwahnsinnig, dass man sich dort tatsächlich zur Puppe in einem überdimensionalen architektonischen Modell degradiert fühlt, eben zu einer dieser computeranimierten Figuren.

Hier wie da kann von “Funktionalität” keine Rede sein: Die in den Wandschluchten des St. Pöltener Regierungsviertels kanalisierten Winde können ihre Stärke überhaupt erst aufgrund der Glätte, sprich: der Ornamentfreiheit der Wandschluchten entfalten; Ornamente verursachen nämlich Wirbelbildung und brechen den Windstrom auf. Mit den Ornamenten muß tatsächliche Funktionalität einer schwachsinnigen architektonischen Dogmatik Platz machen. In den Donaustädter Project-buildings spiegelt sich wiederum der Größenwahn, ein ganzes Stadtviertel in Eigenregie ohne Rücksicht auf die sich dort erst langsam bildenden Bedürfnisse aus dem Boden stampfen zu können; tatsächlich bilden sich einige Architekten ein, die Menschen, auch als wechselwirkende Menge, so gut begreifen zu können, dass sie alle Bedürfnisse der Anwohner antizipieren, sie glauben tatsächlich, zu wissen, wie sich die Menge vom größten bis ins kleinste Detail verhält. Sie bilden sich ein, solcherart den Menschen zu einem IN ALLEM berechenbaren Vieh degradieren zu dürfen. Tatsächlich ist ja der Mensch in vielem berechnbar, aber niemals in allem, wie es diese größenwahnsinnigen Stadtviertel, von größenwahnsinnigen Planern erbaut, implizieren.
Da wird Gott gespielt.
Von langsam gewachsenen Stadtvierteln will man nichts wissen, vielleicht, weil sie diesen Pseudogöttern zu individuell sind. Während die Altstädte von Paris, London, Barcelona, Wien…mehr oder weniger unverwechselbar sind, könnten die modernen Grindbauten überall stehen, anonym, austauschbar. Dabei kann eben nur das langsame Wachstum eine sensible Entwicklung garantieren, und die Bescheidenheit des Architekten, EBEN NICHT alles imVorhinein wissen zu können, und derethalben Freiheitsgrade offen zu lassen. Jawoll, Anarchie! Freie Entwicklung!
Wie dem auch sei, von Funktionalität kann keine Rede sein.
Diskussionen mit (den meisten Architekten) laufen darob immer gleich ab: Sagt man, das Gebaute sei potthässlich, erwidert der Architekt: “aber dafür funktionell.” Erläutert man, dass das Gegenteil der Fall sei, dass die gebäude nicht im Mindesten Funktionell seien, geht die Ablenkung weiter, der Architekt sagt: “Dafür sind sie schön”. Und so fort.
Irgendwie erinnert mich die moderne Architektur darob an die Pret -a Porter-Szene: Was von den Modefuzzis kommt, ist meistens weder schön, noch originell, noch steckt eine intelligente Idee dahinter, dafür ist es eitel, dämlich, Kunst zweiter Klasse, die aber das eigentliche Geld bringt (hier wie da natürlich Ausnahmen, aber wie viele?)
Mag sein, dass diese eitle Dämlichkeit als der eigentliche Geist dieser Zeit in die Geschichte eingeht, was weiß ich.
Da baut ein seniler Gustav Peichl seinen Millenium-Phallus, und ist unfassbar stolz darauf, dass das Ding im Grundriss nicht rund, sondern oval ist. Wahnsinns-Idee! Und eine schiefe Dachebene hat es auch! Toll! Mehr steckt zwar nicht dahinter, aber macht ja nichts. Zwei winzigkleine primitive Ideen sind immerhin besser als gar keine. Und Geld lässt sich auch damit verdienen. Siehe: Modeszene.
Und dann hört man oft: “Architektur muss ja häßlich sein, die Wahrheit und die Schönheit liegt ja im Hässlichen, und das Hässliche ist ja eine höhere Form der Schönheit, und Philosophie muß ja auch häßlich sein”, und so fort.
Dazu kann man einfach und kompliziert antworten.
Die einfache Antwort lautet: ICH WILL NICHT IN EINEM HÄSSLICHEN KLOTZ LEBEN!
Die kompliziertere Antwort lautet: Ja, Häßlichkeit in der Kunst ist notwendig. Aber wer sagt, dass dieser Architektur-Schas Kunst ist? Die Kunst weist, egal ob, was weiß ich, Beethovens op 95, Werner Koflers “Kalte Herberge”, oder -ja- die Beschreibungen Handkes von trostloser Architektur, auch die notwendige Abstraktion Diffizilität auf, um die Häßlichkeit zu transzendieren, sie aus höherer Ebene zu durchleuchten.
Wo aber soll diese Abstraktion in den gegenwärtigen Klötzen Platz greifen? Jetzt die neueste Mode : Auf einen Hochhausklotz einen anderen leicht verdrehten Klotz setzen. Na und? Oder soll jetzt die große Kunst darin bestehen, dass der obere Klotz nicht um 45, sondern um 48 Grad verdreht wird?! Kurzum, der modernen Architektur fehlt es an Freiheitsgraden, um überhaupt irgendetwas auszudrücken. Ich kann mit zwei Buchstaben A B keinen Roman schreiben, es gibt nur vier Möglichkeiten: A, B, A B und B A. das ist Kombinatorik, aber keine Kunst. Es gibt keine Möglichkeit zur Transzendierung des Häßlichen.
Außerdem: Ein grimmiges Buch kann ich, wenn ich es nicht mehr lesen will, weglegen, ein grindiges Haus nicht. Ich lebe ja darin. Daraus ergibt sich, und diese Folgerung scheint sowieso allen Architekten fremd zu sein, dass jede Art von Kunst einen bestimmten höchstmöglichen Abstraktionsgrad aufweist. Je näher die Kunst mit elementaren Lebensbedürfnissen zusammenhängt, desto weniger darf sie sich Abstraktion erlauben.
Beispiel: Die Kochkunst hat mit einem der elementarsten Bedürfnisse, nämlich essen zu tun, daher kann Kochkunst keinen hohen Abstraktionsgrad aufweisen. Ein Essen kann nicht, um der Kunst willen, giftig sein. Giftiges Essen fällt nicht mehr unter Kochkunst, weil man es nicht essen kann. Es muß unter einer abstrakteren Kunstsparte eingeordnet werden, aber kein Mensch darf erwarten, dass ich es esse. So wäre es auch mit kunstvoll häßlichen Wohnungen: Sie mögen Kunst sein, aber es darf doch in Gottes Namen keiner erwarten, dass jemand darin wohnt!!!! Als eine die Häßlichkeit verkörpernde Skulptur: Ja. Aber als tatsächliche Wohnungen, mit deren Anblick man Tag für Tag konfrontiert ist? JA SIND DIE DENN DEPPERT WOREN?!
Und selbst als Skulpturen solcher Art taugt das jetzt gebaute Zeug nicht, weil es einfach in keiner Weise Kunst ist.
Und jetzt dämmert es schon den Architekten, dass ihr Zeug zu primitiv ist, dass es ohne Ornamente nicht geht, und tun verschämt irgendwelche rechteckigen Pseudomuster an ihre Hütten. Das macht die Sache freilich nur noch lächerlicher, der Platz um das Brandenburger z.b. sieht aus wie eine zu groß geratene Jugendherberge.
Nicht, dass wir auf diesen bauten tatsächliche Ornamente sehen würden. Verlogen, wie sich diese Dogmatik ausnimmt, wird die Absicht getarnt. Alles andere wäre ein Eingeständnis eigenen Versagens. Vielmehr wird das ganze Bauwerk zu einem einzigen riesigen Schnörkel, der beziehungslos in der Landschaft steht. Das ganze Bauwerk als ein einziger peinlich-verschämter Riesenschnörkel, und doch als ganzes nur ein Klotz.
Ein anderes Beispiel dieses Elends liefern die so genannten katholischen Künstler: Stellen einen Altar mit zwölf Beinen hin, und sagen dann, das ist ein Symbol für die zwölf Apostel. Na super! Und weiter? ” Das ist ein Symbol für das, und das ist ein Symbol für das.” Welchen Sinn hat das, wenn ich aus diesen Symbolen keinen Mehrwert, keine Mehr-Aussage gewinne?
Ich hoffe nur, das Abreißen von schönen alten Zinshäusern hat bald ein Ende. Denn was danach kommt, sind pseudo-zeitlose Bauten, die in ihrem seit hundert Jahren dauernd und dogmatisch aufrecht erhaltenen Reduktionismus schon ein Jahrzehnt später der Lächerlichkeit anheim gefallen sind. Während sich die bildende Kunst längst von jenem Reduktionismus, der nur das Malen blauer und roter Quadrate erlaubt, verabschiedet hat, (wobei angemerkt werden soll, dass dies als Ausformulierung einer künstlerischen Konsequenz legitim ist), ist die Architektur auf diesem Stadium seit hundert Jahren hängen geblieben und belästigt das Auge seitdem mit ihren kulturhistorisch retardierten Klötzen.
Nur einigen wenigen Architekturgenies kann es gelingen, in diesem Stil tatsächlich Bedeutendes zu schaffen. Nur dem Genie ist Stillosigkeit erlaubt. Der großen Mehrheit der harmlos-braven Architekten muß jedoch ein einfach erfassbares Stilistisches Element zur Verfügung gestellt werden, um ihnen Stilistik zu ermöglichen. Das mögen Architekten nicht gerne hören. Nur waren es immer diese Stilelemente, die die Städte vor Anonymität bewahrt haben, denn natürlich waren Baumeister zu keiner Zeit genialer oder weniger genial als heute.
Freilich, in einer Zeit, in der Modefuzzis als Philosophen gelten, mag sich jeder minderbemittelte Architekt für einen zweiten Loos halten?
Oder war das schon der Anfang der Irrung?