So, hier also die Fortsetzung.
Wir befinden uns, wie ich glaube, im Zeitalter der Abklärung.
Einige Merkmale: Wir lassen uns nicht mehr provozieren. Im Umkehrschluß regiert allerdings die Abstumpfung und die Ignoranz.
Die Vernunft nimmt zwar einen einerseits allherrschenden Stellenwert ein, andererseits sind die Menschen deswegen nicht vernünftiger, als zu anderen Zeiten. Vielmehr scheint es sich um einen Religions-Ersatz zu handeln, in dem Sinn, dass Vernunft etwas für Spezialisten sei, und diese haben sich um das Funktionieren der Welt zu kümmern. Und damit eben jenen Stellenwert einnimmt, den zuvor die Religion innehatte.
Damit zur nächsten Wurzel dieses Zeitalters, der Wissenschaft:
Keine Frage, die Wissenschaft befindet sich auf einer Hochblüte. (Fast) nichts ist in den letzten 1000 Jahren verloren gegengen, viel hingegen wurde entdeckt. Keine Frage, dass das einer der Hauptmotoren für die Herrschaft der Vernunft wurde.
Eines allerdings ist dadurch verloren gegangen: Der Begriff der Intuition. Das Erfassen des über der Vernunft stehenden.
Und so sind es nun die Wissenschafter, die uns das Über-vernünftige auch gleich zu erklären versuchen: Ein Dieter Hattrupp leitet aus der Quantenphysik eine mystische Schau Gottes ab, was ja so weit legitim ist, allerdings kommt er immer einem Gottesbeweis gefährlich nahe. Nur funktionieren Gottesbeweise zwangsläufig nicht, da sich Gott (seine Existenz einmal vorausgesetzt) nicht in irgendeiner Kategorie oder Wissenschaft einfangen lässt.
Ausserdem müßte ein Gottesbeweis wohl sehr kompliziert sein: Damit hätten aber hochintelligente einen klaren Vorteil bei der Gotteserkenntnis. Intelligente wären heiliger als Dumme. Und das trifft nicht zu, das widerspricht der göttlichen Gerechtigkeit.
Legitim ist, aus der Betrachtung der Schönheiten der Natur, dazu gehört auch die kosmische Natur mit Quantenphysik und Relativitätstheorie, eine persönliche Schau Gottes zu suchen, nicht legitim ist es, wie es Hattrupp zeitweise vornimmt, über Vernunft-Spielereien Gott allgemeingültig herbeizwingen zu wollen. Damit wird die innere Freiheit beschränkt, und die höchste Schau auf jeweils ein Fachgebiet begrenzt. Mystik für arme, sozusagen.
Dasselbe in grün finden wir freilich auch bei den Atheisten, vor allem bei den Biologen. Diese wiederum glauben, über die Evolutionstheorie die Nicht-Existenz Gottes bewiesen zu haben. Zwei Namen fallen mir dazu ein: Richard Dawkins, ein Genetiker, und Renee Schröder, natürlich auch im molekular-biologischen Feld tätig.
Im Brustton der Überzeugung nutzen sie ihre wissenschaftliche Reputation, um metaphysische Weisheiten, in jenem Fall: die Nicht-Existenz Gottes zu verkünden, und jeden für blöd zu erklären, der ihrer Lehre nicht folgt. Ein klarer Fall von Kompetenzüberschreitung. Dauernd ist hier von biologistischem Zufall die Rede, ohne eine Begriffserklärung durchzuführen. Andererseits seien die Ergebnisse der Evolution statistisch determiniert, also brauche man keinen Gott.
Nur: Erstens versucht kein vernünftiger Mystiker, Gott zu beweisen, schon gar nicht in der Biologie. Ausserdem kommt in der Statistik der Evolution der Begriff “Zufall” eben wieder vor, und hinter “Zufall” kann sowohl ein systematisches Unwissen stecken, als auch eine tatsächliche Indeterminiertheit (siehe Quantenphysik). Hier wäre tatsächlich Platz für ein Wirken Gottes. Die Betonung liegt auf “wäre”, denn ob da, im Raume das Zufalls, Gott tatsächlich wirkt oder nicht, bleibt weiterhin offen.
Wir wissen es nicht. Hattrupp weiß es nicht, und Schröder weiß es nicht.
Oder, wie es im Buch Kohelet heißt: “Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne.” (Koh, 2, 12)
Aber vielleicht ist das gar nicht die Frage, um dem Zeitalter der Abklärung näher zu kommen. Ein Fachmann steht ja, in seinem Fach, über seiner Zeit (aber auch nur dort).
Interessant ist vielmehr, dass auch, und gerade, Gottes-Diskussionen unter einfachen Menschen immer irgendwann ins Wissenschaftliche abdriften. a manifestiert sich die Abklärung: Vernunft statt Intuition, im übrigen ist Religion Sache der Spezialisten. Die Masse sieht sich als agnostisch.
Damit zur letzten Wurzel der Abklärung: Der Wirtschaft.
Während der abklärerische Mensch im Allgemeinen die Sicherheit sucht, und zwar die absolute Sicherheit, scheint in der Wirtschaft das resignative Element den Vorzug haben.
Einerseits wird das Leben im rechtlichen Bereich bis ins Kleinste und Absurdeste durchreglementiert; das geht so weit, dass man in der Pädagogik “Kreativität” zu definieren versucht, was natürlich total in die Hose geht. Getreulich dem Motto: Pseudo-Vernunft statt Intuition.
Andererseits herrscht in der Wirtschaft Anarchie. Näheres zu sagen erspar ich mir, das ist hier schon geschehen. Interessant aber der Stehsatz: “Da kann man nichts machen”. Typisch Abklärerisch.
Da trifft sich die Abklärung in der Politik. Wo kein Politiker mehr für irgendetwas steht, haben wir die Wahlmöglichkiet verloren. “Ich wähle das kleinste Übel”. Abklärerischer geht es nicht mehr.
Es soll einmal Zeiten gegeben haben, da sich Politiker aus Interessengruppen rekrutierten. Die gewußt haben, was sie für ihre Gruppe wollen. Die klare Ziele formulieren konnten.
Heute suchen sich Politiker ihre Zielgruppen aus; vorzugsweise die stärksten (zb. den Pöbel oder die Pensionisten). Das bringt Wählerstimmen. Sie identifizieren sich nicht mehr im geringsten mit den von ihnen Vertretenen. So werden keine Interessen mehr formuliert, sondern dem Volke eingeredet, wofür es sich zu interessieren habe. (Vorzugsweise für Tigerbabies und Folterstrafen für Drogendealer).
Kein Wunder: Das Zeitalter der Abklärung hat keine Ziele mehr.
Mit der Konsequenz, dass der Demos, das mündige Volk, zum Ochlos wird, zum Pöbel.
Die Demokratie, die Herrschaft des mündigen Volkes, regrediert zur Ochlokratie, der Herrschat des Pöbels- der freilich gesteuert werden kann.
Es ist beschämend für unsere “Eliten”, dass sie die Entwicklung des Demos längst aufgegeben haben.
Es ist zwar richtig, dass es immer willenlose Massen geben wird. Aber es liegt an den “Eliten”, jene Masse möglichst gering zu halten, und so viele Menschen wie möglich der Mündigkeit, also dem Demos, zuzuführen.
Da aber die meisten der selbsternannten Eliten nur dumpfe Kinder ihrer Zeit sind, vermögen sie ihr menschenverachtendes Bild nicht mehr zu hinterfragen. Dass ein dummer “unvernünftiger” Mensch, der aber die Liebe (also: den Hl. Geist) in sich hat, mehr wert ist, als ein kalter Intellektueller, passt nicht in das selbstherrliche Bild der Ober-Abklärer. Das würde nicht in das Bild einer welt-beherrschenden Kaltschnäuzigkeit passen.
Da will auch ich lieber ein Narr sein, aus Solidarität ein Behinderter, ein Krüppel, ein Armer, ein Dummer:
“In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.
Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“








