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die elite des schicken establishments teil3: die unschuldsgurke

Was ist nun jene Idee, die „in der Luft hängt“ (siehe vorheriges Kapitel) und unsere Kultur dominiert?

Sie erwächst meiner Ansicht nachaus zwei Wurzeln.

Wurzel 1:

Keine Kultur verkraftet es, 50 000 000 Tote auf dem Gewissen zu haben. Da muss sich eine Reject-Reaktion einstellen. War der Verursacher dieser Apokalypse das Paradigma der Intoleranz, so müsse nun, sagten sich die Menschen, halb unbewußt, die neue Zeit „ordentlich“ werden. Wir sprechen von der Nachkriegszeit.

Diesen Ordnungsfimmel könnte man als die unmittelbare Schockwirkung des kollabierenden Nationalsozialismus verstehen: einerseits war der Gesellschaft die Barbarei Hitlers noch wie eine tiefe Fleischwunde eingeprägt, andererseits war man aber schon im Spital, die Wunde wurde sozusagen desinfiziert, und so sollte es bleiben: Grau und steril.

Wie wir wissen, blieb es nicht so. Allmählich vernarbten die Wunden, und man wollte über die gefühllosen, verbrannten Stellen wieder was Buntes anziehen. In dieser Zeit sind wir jetzt.

Aber diese unsere Nach-Nach-Zeit ist weit davon entfernt, als „geheilt“ betrachtet werden zu können. Die Narben sind noch da und immer noch gefühllos, am Abend, wenn die Kultur mit sich allein ist, sieht man sie wieder……

Die geistigen Spuren sind noch da. Also ging es darum, nunmehr GENAU das Gegenteil zu tun: Waren die Nazis das intoleranteste, das die Welt je gesehen hatte, so sollten wir nun zu den Tolerantesten aller Zeiten werden.

An sich keine schlechte Idee.

Wurzel 2:

Unsere Geschichte beginnt nicht im 2. Weltkrieg. Wir sind das Produkt der Neuzeit und damit jener Krisis, die aus einen auf das sensualistische reduzierten Rationalismus resultierte, deren äußerste Form der Materialismus ist, die dumpfeste aller Weltanschauungen.

Wir haben zugleich den Höhepunkt und das perspektivenlose Ende der Neuzeit erreicht, Religion, Spiritualität und Mystik sind durch Naturwissenschaften ersetzt worden. Der Mensch wird reduziert auf eine politische Entität. Dies spiegelt sich symptomatisch in dem Stehsatz „Wie kann man zugleich Naturwissenschaftler und religiös sein?“, der freilich zum Dümmsten gehört, was je ein Menschenmaul verlassen hat.

Natürlich aber braucht jeder Mensch einen Glauben, natürlich hat jeder Mensch, ob er es weiß oder nicht, eine Religion. Und so bastelt er sich einen Religionsersatz.

Diese zwei Wurzeln sind nun zu einer Idee verwachsen, und diese lautet (freilich unbewußt): die Toleranz ist unsere neue Religion.

Oder anders formuliert:

Die Nazis waren intolerant und grauenhafter Verbrechen schuldig. Wir aber wollen tolerant und unschuldig sein.

Ja, die Unschuld. Es geht um die Unschuld: wenn wir sonst schon nichts sind, so wollen wir wenigstens DAS sein. Und diese ist ja tatsächlich ein religiöser Aspekt.

Und so haben wir (oder sagen wir: die gesellschaftlich Dominanten) ihr Innenleben mit Toleranz aufgefüllt.

Problem dabei ist, dass es sich bei der Toleranz um eine Sekundärtugend handelt. Sie dient dem Zusammenleben, dem Kontakt mit dem Anderen, dem Äußeren, dem, was NICHT ich ist. (Denn mir selber gegenüber werde ich wohl tolerant sein.) Sie betrifft per Definitionem nicht mein Innen– sondern mein Außenleben.

Wenn aber von der gesamten Mystik nur mehr noch die Toleranz verbleibt (das dem so ist, zeigt unsere religiöse Debilität, die wir mit „Aufgeklärtheit“ verwechseln), so wird in unserem „Innen“ ein Mangel auftreten.

Und so stopfen wir nun immer mehr Toleranz (wir haben ja nichts anderes) in uns hinein, bis wir den Rest unserer Mystik abgelegt haben, denn mit religiösem könnte man ja anderen „zu nahe treten“, bis unser Leben nur noch aus Wellness, Mode und Restaurantbesuchen besteht,

wir stopfen weiter, bis wir bis wir auch Radikalismen total toll, weil: so exotisch, finden,

und stopfen weiter, bis wir schließlich auch dem Töten der Wehrlosesten, nämlich dem ungeborenen Leben total lässig und gleichgültig gegenüber stehen. (Siehe auch: religiöse Debilität.)

Dass man mit der Abtreibung schon verdammt nahe an den nationalsozialistischen Euthanasieprogrammen ist, liegt in der Natur der Sache.

Aus unserem Versuch, die Unschuld immerfort zu verdichten und zu materialisieren, ist tatsächlich etwas geworden, ein häßliches, vor Ignoranz und Debilität stinkendes Ding: die Unschuldsgurke.

Ein Ding, zum lustvollen Stopfen in die Körperöffnungen sehr gut geeignet.

Auch die Nazis hatten Tugenden, zb. Gehorsam und Treue. Gehorsam zu Mördern und Treue zum Bösen.

Meister Eckehart sagt: wenn einem Menschen nur eine Tugend fehlt, so kann er über diesen Mangel in das Böse kippen.

Und umgekehrt: wenn er eine Tugend wirklich hat, so hat er mit ihr auch alle anderen Tugenden.

Nur muß dazu gesagt werden, dass manche Tugenden besser geeignet sind als andere, um die Gesamtheit der Tugenden zu erlangen, weil sie zentraler sind; sozusagen näher an der Schaltstelle der Seele sitzen.

Die Toleranz ist also denkbar schlecht geeignet, als zentrale Tugend zu fungieren, dazu ist sie viel zu peripher und zu leichtgewichtig.

Und dass wir nicht einmal die Toleranz wirklich besitzen, zeigt alleine schon, dass dem aktuellen Toleranzbegriff eine Tugend fehlt: die Mäßigung.

Bald mehr darüber.

 

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7 Responses to “die elite des schicken establishments teil3: die unschuldsgurke”


  1. Dezember 18, 2016 um 6:54 pm

    Das Paradigma ist sekundär. Im neunzehnten Jahrhundert war der Rassismus im Westen das Selbstverständlichste von der Welt.
    Im zwanzigsten Jahrhundert hat das Paradigma des Stalinismus allein hat mehr als fünfzig Millionen Tote gefordert, das Paradigma des Maoismus hat es je nach Schätzung auf bis zu hundert Millionen Tote gebracht.
    Das Paradigma der Toleranz hat seit 1945 mittels „humanitärer Interventionen“ ebenfalls 15 bis 20 Millionen Tote produziert. Die Paradigmen kommen und gehen, die Kriege und die Opfer, die sie produzieren, bleiben mehr oder weniger gleich.
    Hier können wir ausnahmsweise mal etwas von Karl Marx lernen, der sagte, das Sein bestimmt das Bewusstsein.
    Nicht das Bewusstsein der Toleranz bestimmt seit 1945 die Geschichte der „freien Welt“, sondern die manifesten Interessen, die dahinter stehen. Nicht die Menschenrechte sondern die Schürfrechte sind der Motor der „humanitären Intervention.“
    Es gilt die Paradigmen, von denen du sprichst als das zu erkennen was sie sind. Ideologien, die erfunden wurden um den Interessen der Herrschenden zu dienen.
    Das perfide daran ist, dass die Idee der Menschenrechte natürlich gut ist, genauso wie die Idee der Demokratie und der Freiheit.
    Das ist die Kunst, die George Orwell schon beschrieben hat, die Lüge als Wahrheit, den Krieg als Frieden und die Sklaverei als Freiheit zu verkaufen.
    Mir ist in diesem Zusammenhang auch unser Dialog zum Thema das „Spiegelbild der Diktatur“ eingefallen, an den du dich vielleicht noch erinnerst.
    https://hansarandt.wordpress.com/2015/11/01/das-spiegelbild-der-diktatur-2020/
    Wie eng verwandt der Rassismus des Dritten Reiches mit er Ideologie der Toleranz ist, zeigt folgendes Beispiel:
    Der verstorbene Vater eines guten Freundes hat am 5. Oktober 1941 von der Ostfront eine Feldpostkarte nach Hause geschickt.
    Dort schreibt er: “ Ihr lieben, … Ist doch recht schönes Wetter zur Zeit und wir sind auch froh darüber, so ein rechtes Vormarschwetter. Was wir uns freuten als der Führer in seiner Rede sagte, „Noch vor Winter wird Russland erledigt sein“, dass glaubt ihr gar nicht…Gruß, Euer Karl.
    Auch aus diesen aus heutiger Sicht fragwürdigen Worten spricht eine große Sehnsucht nach dem baldigen Ende des Krieges.
    Auf der Bildseite der Feldpostkarte war folgender Propagandaspruch zu lesen:
    „Das deutsche Volk ist sich bewusst, dass es dazu berufen ist, die gesamte Kulturwelt von den tödlichen Gefahren des Bolschewismus zu retten und den Weg für einen wahren sozialen Aufstieg in Europa frei zu machen.“
    Jeder erkennt heute sofort, wie fehlgeleitet die Menschen damals waren.
    Wenn ich allerdings diesen Satz in die heutige Zeit übertrage und das „Deutsche Volk“ durch die „Internationale Gemeinschaft„, den „Bolschewismus“ durch den „Salafismus“ und „Europa“ durch den „Nahen Osten“ ersetze, dann heißt der Satz:
    „Die internationale Gemeinschaft ist sich bewusst, dass sie dazu berufen ist, die gesamte Kulturwelt von den tödlichen Gefahren des Salafismus zu retten und den Weg für einen wahren sozialen Aufstieg im Nahen Osten frei zu machen.“
    Diesen Satz glaubt hierzulande beinahe jeder. Sinngemäß steht er auf der ersten Seite einer jeden Tageszeitung jeden Tag.
    Wir sollten aufhören, in der Logik des Krieges zu denken und wieder damit anfangen für den Frieden zu beten.
    Wenn der Krieg erst einmal wieder auch bei uns angefangen hat, betet sowieso jeder für den Frieden.

  2. 2 Kardinal Novize Igor
    Dezember 18, 2016 um 9:48 pm

    Haben die kulturell dominanten Ideen immer nur einen machtpolitischen Background?
    Hatte es machtpolitische Gründe, dass sich Louis XIV die Allonge aufsetzte und Schuhe mit überdimensionierten Schnallen trug?

    Aber natürlich ist es eine dieser „in der Luft liegenden“ Ideen, hinter allem die große Verschwörung zu erblicken.
    Ich glaube, man braucht sie nicht: die Welt erklärt sich auch so.

    Der Mensch ist mehr Ameisenhaufen, als ihm lieb ist. Ich denke mal, das gilt für minderbemittelte Banker genau so.

    Zum Satz:
    „Das deutsche Volk ist sich bewusst, dass es dazu berufen ist, die gesamte Kulturwelt von den tödlichen Gefahren des Bolschewismus zu retten und den Weg für einen wahren sozialen Aufstieg in Europa frei zu machen.“

    Ich kenne einen Priester, der den Bolschewismus mitgemacht hat. Und ja, es wären der Welt viele Millionen Tote erspart geblieben ohne. Dieser Satz zeigt sehr gut, wie man die Meinungen verwirren kann: man nimmt das Schlechte zum Vorwand, um Schlechtes zu tun.

    Das sollte einen umgekehrt nicht hindern, das Schlechte beim Namen zu nennen. Denn dann wäre sowohl der Bolschewismus als auch der Nationalsozialismus als auch der Salafismus als auch der Relativismus verhindert worden.

    Das tue ich, das tust Du.

    Uns allen weiterhin viel Erfolg!

    LG KNI

  3. Dezember 26, 2016 um 11:04 pm

    Mir gefällt die „Unschuldsgurke“ und ich muss an den wienerischen Satz denken „gib eam de Guakn“.

    Ja, ich bin toleranter als Du. Habe Dich quasi schon in die Knie gezwungen mit meiner Toleranz, die ich vor mir hertrage wie ein großes Schild.

    Wer ist so tolerant wie ich? Seht her und nehmt Euch den Tolerator zum Vorbild.

    Divide et tolera.

    Das Tolerium Romanum.

    Herbei o Ihr Gläubigen, lasst uns tolerieren.

    Meint
    Euer Christoph

  4. März 6, 2017 um 6:13 pm

    Habe eben noch mal Deinen Artikel gelesen und kann in weiten Teilen zustimmen. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich hier schon mal was kommentiert habe.

    Zwei Gedanken zu „Toleranz“
    Bei der Herstellung eines Maschinenteils beschreibt die Toleranz die Abweichung von der Norm, die gerade noch erlaubt ist um das Funktionieren einer Apparatur, in der das Werkstück eingebaut wird, nicht zu gefährden.

    Dem gegenüber steht die tiefe Einsicht: Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.

    Bemerkenswert fand ich auch eine Bemerkung von Benedikt XVI. der einmal eine Exkommunikation aufgehoben hat und dafür heftige Prügel einstecken musste: „Offenbar braucht jede Gesellschaft, die sich der Toleranz verschrieben hat, eine mindestens eine Gruppe, für die diese Toleranz nicht gilt.“

    Kürzlich hatte ich ein rotes Buch in einem Buchladen in der Hand, das hieß die Toleranzfalle. Es gab einen ganzen Stapel davon. Ich denke das ist ein Zeichen dafür, dass vielen Lesern dieser Begriff schon gewaltig auf den Sender geht.

  5. 7 Kardinal Novize Igor
    März 8, 2017 um 11:24 am

    Ich nehme an, du meinst die Piusbrüder (Erzbischof Levfebre).

    Ich war früher mal das, was man „liberaler Katholik“ nannte. Das bedeutete: Dinge hinterfragen; auch das Lehramt; seinem Gewissen folgen; das Gewissen bilden;…..

    …..und das tue ich noch immer (so gut es eben geht).

    Blöderweise haben sich aber nicht wenige „liberale Katholiken“ eben hiervon verabschiedet (wie ja auch die Liberalen im allgemeinen), und die oben genannten Tugenden sind zu Leerformeln (oder sollte man „Lehrformeln“ schreiben?) geworden.

    Und ganz nebenbei haben sie auch das Zentrale: die Mystik, verlernt.

    Und sind damit etwa wie ein Violinspieler, der Violinen nur aus Bilderbüchern kennt…

    LG KNI


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