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Jan
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die schicke Elite des Establishments- die Mäßigung

Den allgemein bekannten, von Karl Popper formulierten Satz, dass die Grenzen der Toleranz dort enden müssten, wo die Intoleranz einer anderen Ideologie anfängt, hat unsere Gesellschaft insofern gut inkorporiert, als sie etwa dem Nationalsozialismus und dem Faschismus mit der ihm gebührenden kämpferischen Ablehnung begegnet.

Hier funktioniert der Schutzmechanismus gut.

Nun lässt sich zwar nicht gerade behaupten, dass es keine faschistoiden Grauzonen in unserer Gesellschaft gäbe, aber diese Schichten werden als außerhalb unserer kulturellen Konvention stehend, geächtet, nämlich als Manifestation, dass diese eben nicht „Teil der Gesellschaft“ seien. Siehe: die Reaktionen auf Trump, Orban, Strache, AfD, etc. Hier will ein kulturelles, ja pseudoreligiöses Erbe bewahrt werden (siehe Toleranz als Religion).

Und wenn es um die Religion geht, das wissen wir, können Gesellschaften so richtig unangenehm werden…..

Umgekehrt wundert man sich, dass Faschismus nicht als solcher erkannt wird, wenn er sich das Deckmäntelchen einer fremden Religion umhängt. Interessant, wie sich Erkenntnisse insofern nur unter den größten Krämpfen und Wehen entwickeln; wie eigentlich ganz selbstverständliche Dinge, nur unter den schrecklichsten Geburtsschmerzen der Dummheit, in den Gehirnen der Menschen ihren rechtmäßigen Platz einnehmen (oder auch nicht).

Interessant, aber nicht verwunderlich.

Beides ist ein Produkt des Nachnazi-Denkens.

Der Faschismus nationalsozialistischer Prägung stellt das Paradigma der Intoleranz schlechthin dar; deshalb wird der Poppersche Satz auf diesen richtig angewendet: dass man den Faschismus abzulehnen, zu bekämpfen, nicht zu tolerieren hat, kurz gesagt: ihn unter dem Gesichtspunkt der Intoleranz zu behandeln hat.

Derselbe Faschismus hat bekanntermaßen auch zur grauenvollsten Verfolgung einer fremden Religion, nämlich dem Judentum, geführt. Deshalb wurde es zum kulturellen Paradigma des Westens, auf dass so etwas nie wieder passieren könne, dass jeder fremden Religion mit der größtmöglichen Achtung und Toleranz zu begegnen, also unter dem Gesichtspunkt der höchstmöglichen Toleranz zu begegnen sei.

Wenn sich nun aber Faschismus und fremde Religion ununterscheidbar zu einem neuen Ding verbinden, so hat man also etwas vor sich, das man, nach den Vorgaben unserer Gesellschaft, zugleich unter dem Gesichtspunkt der höchsten Toleranz und der höchsten Intoleranz zu behandeln hat.

Das geht aber nicht, weil es sich widerspricht.

Ein Ding, das Widersprüche miteinander verbindet, nennt man Paradox.

Nun sind bereits rein logische Paradoxien zum Haare-Raufen wie zb: Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen immer.

Hier aber haben wir es mit etwas weitaus schlimmerem zu tun: einem emotionalen Paradox!

Wen wundern da noch die geistigen Krämpfe?

Nun gibt es zur Lösung eines Paradoxons prinzipiell zwei Möglichkeiten. Möglichkeit 1: Man geht in die Tiefe und trennt es „von innen“ her auf, indem man „Religion“ und „Faschismus“ voneinander separiert. Dazu müsste man aber erst einmal die Verbings-Stränge kennen.

Möglichkeit 2: Man ignoriert ganz einfach die faschistischen Elemente der Auswüchse der fremden Religion, und sagt: „die gibt es nicht“. „Das hat nichts damit zu tun.“ „Das kommt doch bei uns auch alles vor.“ „Einzelfälle.“ Man schiebt es auf psychologische Ursachen: „die sind kriegstraumatisiert„; oder man euphemisiert es: „anderer Wertekanon„, etc.

Offensichtlich hat sich unsere Gesellschaft für Möglichkeit 2 entschieden. Sie macht sich damit mit-schuldig an dem, was sie unbedingt verhindern wollte: dem Aufkommen eines neuen Faschismus.

Möglichkeit 1 wäre nämlich um einiges unbequemer: Da käme man nämlich darauf, dass eine so scharfe Trennung in fremde Religion einerseits und Faschismus andererseits nicht so ohne weiteres funktioniert – wenn nämlich faschistoide Tendenzen in der, nennen wir es mal „Primärliteratur“, zu finden sind…

….dabei wäre gerade das befreiend: Ehrlichkeit, Wahrheit, und jawohl, Aufklärung! Gerade diese Wahrheitsliebe würde nämlich wieder das rechte Maß (womit wir beim Thema wären) in die Diskussion und in uns selbst einbringen. Dass etwa gegen einen Gottglauben überhaupt nichts zu sagen ist, aber ein hasserfüllter Gott, der aufruft, seine eigenen Kinder umzubringen, einfach nur ein Monster ist, eine contradictio in adjectio. Dass man durchaus was mit Dichtern wie Omar Khajam, Hafis und was mit Mystikern wie Avicenna anfangen kann, dass diese aber, mal ganz ehrlich, meilenweit über ihrem „Primärliteraten“ stehen.

Die Wahrheit macht einen nämlich nicht nur frei, sondern sie gibt auch das richtige Maß: Wer aber Widersprüche in sich selber niederschreien muss, um auf diese nicht aufmerksam werden zu müssen, kann dieses Maß nicht finden.

In den vorhergehenden Artikeln die schicke Elite des Establishments… wurde gesagt, dass wir im Grunde die Religion der Unschuld pflegen und die einzige Tugend dieser „Religion“ die Toleranz ist.

Und weiter, dass aber eine einzige Tugend niemals alle Tugenden ersetzen kann. Nun aber haben alle Religionen etwas maßloses. In diesem Falle also: die Toleranz in maßlose Höhen zu treiben. Da liegt die unbewusste Hoffnung darin, solche wie oben geschilderten Widersprüchlichkeiten gleichsam in unendlicher Toleranz in Wohlgefallen aufzulösen. Das aber nicht funktioniert, weil es dem Popperschen Satz zuwider läuft.

(Da stellt sich freilich die Frage, warum die Religion der Toleranz nicht auch gleich den hierzulande geläufigen Faschismus durch unendliche Toleranz zu Nichts auflösen will. Die Antwort ist wohl aus den Ausführungen oben herzuleiten. Eine primitive Religion ist immer auch stark manichäisch und braucht ihren „Teufel“. Den braucht man nicht aufzulösen, weil er sowieso böse ist. Daher sind FPÖler, AfDler etc. nicht bloß geächtet, sondern tatsächlich „gebannt“, also exkommuniziert unter der Androhung, das Paradies der Toleranz für immer zu verlieren.)

Blöderweise versteht die Religion der Toleranz aber die Sache mit der Maßlosigkeit falsch: In intelligenten Religionen bezieht sich die Maßlosigkeit auf das geistliche, das über-Irdische: Unendlich ist die innere Würde jedes Menschen (unabhängig vom Erleuchtungsgrad), die Liebe, der ewige Friede.

Tugenden sind aber irdische Dinge, und hierzu zählt die Mäßigung und die Toleranz.

Angenommen also, ein Vater liebt sein Kind unendlich (d.h. maßlos).

Angenommen nun, das Kind mag Schokolade.

So wird nun der Vater sein Kind dennoch nicht mit unendlichen Mengen Schokolade füttern, da das Kind dadurch Schaden nehmen würde.

Er wird vielmehr dem Kind in Maßen Schokolade geben, dass sich das Kind zwar freut, aber dennoch gesund bleibt.

Gerade durch diese Mäßigung (die sicher nicht immer das Gefallen des Kindes finden wird), lebt der Vater die Liebe.

Und liegen wir nun falsch, wenn wir statt „Schokolade“ nun das Wort „Toleranz“ schreiben?

 

 

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2 Responses to “die schicke Elite des Establishments- die Mäßigung”


  1. Januar 31, 2017 um 11:47 pm

    Ich glaube, du hast hier einen Nerv der Zeit getroffen. Wer kann noch das Maß halten?

    Den dazu muss man Vorteile und Nachteile unvoreingenommen gegeneinander abwägen, ohne vor zu verurteilen.

  2. Mai 27, 2017 um 10:07 pm

    Den Artikel finden ich gut. Der Antifaschismus krankt daran, daß er angeblich etwas bekämpfen will, was es im Augenblick gar nicht gibt. Nur weil in unserem Land einige Kriminelle herumlaufen, ist unser Staat nicht kriminell. Ich weiß nicht, wie es dir geht, fast alle Rechtsextreme, die ich in den letzten Jahrzehnten gesehen habe, sind mir ausschließlich im Fernsehen begegnet. Der Fashismus ist in unserem Land im Augenblick eine Pappfigur, die man aufstellt und mit faulen Eiern bewirft. Dass in der Putsch-Regierung in der Ukraine tatsächlich echte Faschisten auf Ministersesseln sitzen und den Sicherheitsaparat dominieren ist den sogenannten Antifaschisten hier zu Lande, die diese Regierung tatkräftig unterstützen, nicht einmal peinlich. Der Faschismus des 21. Jahrhunderts verkleidet sich als „ANTIFASCHISMUS“, Der Krieg als Frieden und die Demokratie zunehmend als Diktatur. George Orwell lässt grüßen.


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