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das grundrauschen des individualismus

Im 19. Jahrhundert bestand die Wissenschaft aus Katalogisieren und einordnen. Geordnet wurde von Würmern bis Schmetterlingen, von Moosen bis zu Gesteinen, alles was sich irgendwie nummerieren ließ. Man wollte Tendenzen herausfinden und daraus Schlussfolgerungen ziehen.

Heute sind diese Mappen mit getrockneten Insekten, die staubigen Kästen mit den nummerierten Steinchen lustig bis unheimlich anzusehen.

Auch auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften fand eine solche Einordnung statt. Man katalogisierte in geschichtlichen Zeitaltern, in Philosophien, in Religionen, in „Rassen“, man suchte nach Analogien und Tendenzen. So etwa Spengler, der freilich schon im 20.Jahrhundert arbeitete, aber das läßt sich durchaus als „Nachhall“ verstehen, während in den Naturwissenschaften mit Quantenphysik, Relativitätstheorie etc. ein neues Zeitalter sich anbahnte.

Das 20. Jahrhundert ging den Dingen -in den Naturwissenschaften- tiefer auf den Grund: Aus Katalogisieren wurde die Simulation, aus bloßem Ordnen die Vorhersage der Dinge und ihrer Eigenschaften. Heute können Eigenschaften von Materialien (und nicht bloß die mechanischen), das Wetter und das Universum (in Ansätzen) errechnet werden.

Logisch, dass da auch die Geisteswissenschaften nachziehen wollten und die Einordnung verpönten.

So ist denn das Wort „Rasse“ nicht bloß wegen seinen amoralischen Implikationen stigmatisiert, sondern, weil es auch dem naturwissenschaftlischen Denken einer vergangen Zeit entspricht.

So gut das auch für manche Aspekte sein mag – kein Vollsinniger wird die absolute Unsinnigkeit einer „rassistischen Theorie“ bezweifeln –

-fragt man sich dennoch, wie nun ein Welt- und Menschenbild aufgestellt werden soll,

in dem es keine geschichtlichen Zeitalter mehr gibt, sondern nur „Fortschritt“, und damit jede Möglichkeit des Irrtums a priori ausgeschlossen werden soll. Können wir uns denn nicht irren? Ist das Irren-dürfen nicht einer unserer tiefsten und humansten Wesenzüge?

Wie soll ein Zeitalter bestand haben, dass sich selber nicht mehr einordnen kann, weil es keine Einordnung mehr gibt? Ist die Selbstpositionierung -wo stehen wir?-wo stehen die anderen?- nicht eine unbedingt notwendige Voraussetzung für psychologische Selbstreflexion?

Bilden wir uns das wirklich nur ein, dass die Zeit kälter, dümmer, und damit restriktiver wird?

Was bleibt von den Menschen übrig, wenn wir alle einordnenden Kriterien subtrahieren?

Das „Individuum“? Der „Individualist“?

Die ganze Welt als ein Produkt von lauter „Einzelfällen“?

Da stimmt doch was nicht.

Wie „individuell“ kann denn jemand sein, der sich nicht als ein Kind seiner Zeit betrachten kann, weil er über das eigene Zeitalter nicht reflektieren kann? Da es dieses „ja gar nicht gibt“?

Ein Hintergrundgeräusch wabert im Zeitalter unserer Abklärungen: das chaotische Rauschen des Individualismus, das Bildschirmflimmern der Milliarden Einzelfälle, die wir uns nicht erklären können. Es verschluckt leisen Zwischentöne.

Gerade diese Zwischentöne würden uns aber ein räumliches Gefühl vermitteln, eine, sagen wir mal, „Orientierung“. Dieses Rauschen macht uns unfähig, Tendenzen zu erkennen, unfähig, in langen Zeiträumen zu denken.

Die Ideologie des Rauschens lässt nur mehr „Zufälle“ zu.

Glauben wir allen Ernstes, die Menschen des Barock hätten „zufällig“ alle zur selben Zeit Perücken getragen?

Glauben wir allen Ernstes, die Menschen zukünftiger Zeiten würden sich nicht über manche unserer Einstellungen totlachen oder empören? Dass wir un-peinlich wären?

Oder, dass in Europa rein zufällig zur selben Zeit solche seltsamen Steingebilde aus dem Boden schossen, die man heute „gotische Dome“ nennt?

Glauben wir allen Ernstes, dass die Barbarisierung  der islamischen Welt ganz einfach nur zufällig jetzt, im Jahr 1385 n. M., stattfindet?

(Hoppla, jetzt verstoße ich gegen die Einzelfallideologie, also schnell korrigiert: Ich meine natürlich NICHT alle Individuen, wohl aber eine überproportional große Zahl derselben, siehe natürlich Statistiken, siehe Internet, alles außer Statistiken ist ja auch verboten…)

Wir sehen: dieses Grundrauschen des Individualismus gibt es gar nicht, das bilden wir uns nur ein. Auch wir folgen mehr oder weniger blind unserem Zeitalter, und nein, nicht alle Zeitalter sind gleich gut.

Drehen wir die Vorstellung des Grundrauschens leiser, hören wir etwas anderes. Manches davon wird uns nicht gefallen. Möglicherweise hören manche aber auch eine ganz leise Musik; aber die ist nicht von hier, sie kommt von der anderen Seite, die wir noch nicht kennen….

 

 

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6 Responses to “das grundrauschen des individualismus”


  1. 1 Kardinal Novize Igor
    Februar 15, 2017 um 1:40 am

    …..und während es wahrlich genug Probleme gibt, setzt uns Trump einen Goldman-Sachs-Mitarbeiter vor, der bei der DEREGULIERUNG DER MÄRKTE helfen soll.

    Jetzt glaube ich: der vierte apokalyptische Reiter reitet wirklich schon…..

    LG (aber nur an die, die guten Willens sind) KNI

  2. Februar 18, 2017 um 12:10 pm

    Wer heute versucht, die Dinge zu hinterfragen,……

    Wer versucht, Mechanismen und Zusammenhänge offenzulegen,……

    Wer immer noch glaubt, dass es keine Zufälle gibt,……

    ……der gilt als hoffnungsloser Verschwörungstheoretiker.

    Alles ist Zufall.

    Nichts ergibt einen Sinn.

    Du spinnst.

    Meint
    Euer Christoph

  3. 3 Kardinal Novize Igor
    Februar 20, 2017 um 1:41 am

    Nur der ist wirklich individuell, der seine individuellen Ausführungen stets mit dem individuellen Stöhnen des Überdrusses beendet!

  4. März 5, 2017 um 6:30 pm

    Dein Artikel spricht mir aus der Seele.

    Mir fällt dazu ein: Alle (Individualisten) machen immer das, was alle machen, weil alle das machen.

    Der „Individualismus“ ist ein Trick mit dem man ein iPhone für einen überhöhten Preis verkauft. Den Aufschlag bezahlt man dafür, ein Individualist zu sein und natürlich geht es auch darum, dazu zu gehören zur community der Individualisten.

    Prof. Norbert Bolz hat das mal sehr schön als den „Zwang zum Nonkonformisus, den Zwang zum anders sein beschrieben.

    Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Buch Ego von dem Verstorbenen FAZ Chefredakteur Frank Schrimacher.

  5. 5 Kardinal Novize Igor
    März 5, 2017 um 9:25 pm

    Danke für Buchtipp!

    LG KNI

  6. Mai 27, 2017 um 9:35 pm

    Der Beitrag trifft ins Schwarze und gefällt mir gut


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