01
Sep
20

Kollektivierung des Gewissens

Es hat irgendwie einen schlechten Ruf: Dieses Ding, das man „Gewissen“ nennt. Ist dieses Wort schon zu oft verwendet worden? Gibt es das Gewissen überhaupt? Ist es eine gesellschaftliche Konvention, oder eine innere Instanz?

Oder vielleicht ein kalter Gerichtshof, der uns unter gesellschaftliche Normen zwingen will, und also eine Art von Manipulationsinstrument, das uns von der Schule, der Kirche und anderen widerwärtigen Institutionen aufgezwungen wird, um uns gefügig zu machen? Ein Kerker, der uns das Denken verbieten soll?

So (und ähnlich) hört es sich jedenfalls an, wenn man mit Menschen, die sich als „modern“ empfinden, über das Gewissen spricht. Und möglicherweise haben sie nicht einmal unrecht. Der Begriff des Gewissens ist schwammig, er verschwimmt in vielen Ebenen. Das fängt schon damit an, dass das Gewissen nicht feststeht, dass es sich im Laufe eines Menschenlebens ändert, dass es also nicht fest steht wie etwa ein Gesetzbuch oder gar wie Naturgesetze. Und es geht damit weiter, dass die oben genannten „widerlichen Institutionen“ uns dieses schwammige „Etwas“ aufoktroyieren wollen!

Aber das meine ich nicht, wenn ich über „Gewissen“ spreche. Ich meine jene innere Instanz, die mir, ganz unabhängig von – und oft auch gegen die vorherrschende Meinung – der Gesellschaft,  sagt, was gut und böse ist, was recht und was unrecht. Das Gewissen ist für mich also ganz „innen“, ein Teil meines Ich und meiner Intimsphäre. Es ist ein Winkel meiner Seele, zu dem nur ich Zutritt habe.

Nun ist es aber gar nicht leicht, diesen Winkel der Seele zu isolieren und ihn als solchen zu beschreiben! Es ist schwieriges, wenn nicht gar ein unmögliches Unterfangen, dieses „innere“ oder „innerste Gewissen“ zu definieren, und die Hoffnung des Schreibers beruht darauf, dass jeder, der das lesen sollte, selber eine Ahnung davon hat, und im Grunde jetzt schon weiß, was ich meine.

Aber vielleicht lässt es sich ja doch etwas näher beschreiben, ich versuche es jedenfalls. Hier also der Versuch, jene „äußeren“ Schichten des Gewissen abzuschälen, also jene gesellschaftlichen Moralvorstellungen und mehr oder weniger guten Sitten, und auch jene alten Krusten loszuwerden, damit wir zum Kern des Dinges gelangen! Sollte es nicht gelingen, bitte ich um Nachsicht! Das Wort (und die Sprache) ist ja ein denkbar schwaches Mittel, wenn auch das stärkste, das uns hierfür zur Verfügung steht….

…so könnte man auch statt „abschälen“ „unterscheiden“ sagen: das, was zu meinem Ich gehört, zu unterscheiden von dem, was von „außen“, also der Gesellschaft, der Familie, den Arbeitskollegen etc, kommt.

Damit fangen aber schon die Probleme an, denn es verhält sich zweifellos so, dass meine Entscheidung über gut und schlecht/böse meistens auch von äußeren Einflüssen abhängt. Beispielsweise kann einem die Erfahrung anderer sagen, dass es schlecht ist, betrunken Auto zu fahren. Oder dass es gut ist, Sport zu treiben, und so fort. Was ist nun also die innerste Schicht des Gewissens? Ich würde es so sagen: Es ist das grundlegende Wissen um Gut und Böse und die wundersame Tatsache, dass wir ein Gespür dafür haben, was „gut“ ist.

Was es nun ist, das wir als „gut“ empfinden, mag bei jedem Menschen anders sein, aber dass es überhaupt Dinge gibt, denen wir die Prädikate „gut“ und „böse“, zuordnen können, hat jeder Mensch mit dem anderen gemeinsam. Und da haben wir das nächste Problem: Welches Ding ist schon vollkommen gut, welches Ding ist vollkommen böse?

Ich muss also obigen Satz verbessern und es so ausdrücken:

Was es nun ist, das wir als „gut“ empfinden, mag bei jedem Menschen anders sein, aber dass es überhaupt Dinge gibt, denen wir die Prädikate “ teilweise gut“ und “ teilweise böse“, zuordnen können, hat jeder Mensch mit dem anderen gemeinsam.

So, ich glaube, jetzt passts.

Jeder hat also, ganz tief in sich drinnen, ein Gefühl für gut und böse, wir tragen diese erhabene Gabe in uns, sie ist Teil unserer unendlichen Würde als Mensch, der Fleisch und Geist zugleich ist, als erkennendes, über sich selbst hinauswachsendes Wesen, als höchstes Tier, dem die unfassbare Gabe geschenkt ist, sich mit Gott zu verbinden.

Das wäre dann die Höhendimension des Gewissens.

Und was ist nun mit den von außen kommenden Erfahrungen; also etwa: Der Arzt, der sagt, dass Sport treiben gesund ist oder der Polizist, der sagt, dass betrunken fahren schlecht ist?

Da ist die Metapher vom Gewissen als (Haus-)Winkel oder (Seelen-)Winkel ganz brauchbar. Ein Winkel besteht aus zwei Wänden, und dort, wo sich die Wände schneiden, haben wir die Schnittgerade. Das „innerste“ dieses Winkels ist also genau jene Gerade, die ich zuvor als die Höhendimension bezeichnet habe. Die Wände, würde ich sagen, sind jene äußeren Erfahrungen.

Nun gibt es Erfahrungen, die uns so tief innewohnen und so profund sind, dass wir aufgrund dieser Erfahrungen manche Dinge mit größter Sicherheit als gut oder schlecht beurteilen können. Etwa: Wut in sich zu steigern, ist schlecht (zumindest für mich). Oder: Die Hl. Messe zu feiern, ist gut; gelassen zu bleiben ist gut (zumindest für mich).

Aufgrund dieser sicheren Zuordnung sind diese Dinge im inneren Winkel, also nah am eigentlichen Eck. Andere Dinge sind vielleicht weniger sicher, wie zb. die Wahl des Jobs oder ganz einfach die Frage: „Was esse ich heute?“ etc. Diese weniger sicheren Dinge sind dann auch weiter außen, und haben entsprechend weniger mit meiner intimsten Sphäre zu tun. Da überschneidet sich dann das Gewissen mit der Gesellschaft oder ganz einfach mit der Frage, was es im Supermarkt zu kaufen gibt….

….aber ich möchte diese Metapher nicht überstrapazieren. Jedenfalls, und das entspricht meiner Erfahrung: Wenn ich nun in das Innerste meines Gewissens eindringe (zb. in der Betrachtung oder der Meditation), dann komme ich zu mir selbst, dann bin ich bei mir selbst. Da entsteht dann eine Art, ja, ich würde es Versöhnung nennen, mit mir selbst. Und, nebenbei gesagt, da spürt man auch die Gesellschaft Gottes, der ja die Versöhnung ist.

Daher ist für mich das Gewissen ein Teil meines Ich und meiner intimsten Intimsphäre, es ist ein Teil meiner Menschenwürde, es ist dabei auch eine Schnittstelle zu Gott, der ja in unserem Innersten auf uns wartet (siehe dazu: Meister Eckehart, Johannes vom Kreuz, u.a.).

So weit also zu dem, was ich unter „Gewissen“ verstehe. Jedem Mensch wohnt dieses inne, ob er es nun weiß oder nicht.

Womit wir beim Problem wären: Wenn einem Menschen diese innere Seite des Gewissens nicht bewusst ist, dann ist es nicht mehr als eine gesellschaftliche Konvention, ein Kerker des Denkens, etc., etc.,……

…..und tatsächlich wird den Menschen heute das Gewissen auf diese Weise ausgeredet, wenn sie es nicht selber stumm geschaltet haben. Es heißt, man möge sich vom Gewissen „befreien„, es sei „erfunden“ (natürlich von der „bösen“ Kirche),  es sei ein Werkzeug, um uns zu „manipulieren„.

Man sieht den Denkfehler: Das Zeitalter der Abklärung (also unsere Zeit) verwechselt, wie so oft, das Innen mit dem Außen, also das eigentliche Gewissen als intimer Teil meines Ich mit den äußeren und äußerlichen gesellschaftlichen Konventionen. In weiterer Folge wird das „Innen“ dann ganz einfach abgeschafft.

Diese Entwicklung ist extrem gefährlich.

Wir haben ähnliches schon für die Tugenden gesehen, wo nur mehr die äußerliche Tugend der Toleranz verblieben ist; wir haben ähnliches für die Freiheit gesehen,  wo nur mehr der materialistische Begriff der Freiheit verbleibt, siehe:

https://novizeigor.wordpress.com/2019/05/18/zeitalter-der-abklaerung-ix-die-manichaeische-linse/

Was da als „Freiheit“ verkauft wird, ist tatsächlich Depersonalisierung. Denn nichts anderes ist es, einen Teil seines Ich zu verleugnen oder gar nicht zu kennen. Wer das Gewissen als ganzes abschafft, entledigt sich nicht nur der „gesellschaftlichen Konvention“, sondern auch eines Teiles des eigenen Ich. Wer immer das Gewissen abschaffen will, beraubt die Menschheit um eine Höhendimension und macht sie damit unmündig, und zwar auf dem wichtigsten Gebiet überhaupt: der Mystik!

Denn was geschieht nun mit einem Menschen ohne Gewissen? Wird er tatsächlich frei? Wird er wirklich „die gesellschaftlichen Konventionen abstreifen“? Im Gegenteil: Da ihm sein Inneres nicht mehr vorgeben darf, was gut und böse ist, wird er sich wiederum etwas Äußerliches suchen. Er wird ganz einfach die eine gesellschaftliche Konvention gegen eine andere gesellschaftliche Konvention tauschen, und dies mit innerer Freiheit verwechseln.

Eben das sehen wir zur Zeit: Da ist die eine Gesellschaft, die von sich behauptet: „WIR SIND DIE GUTEN“, und die anderen sind „DIE BÖSEN“. Und umgekehrt, natürlich. Und da sich diese Gesellschaft nicht mehr traut, auf die innere Stimme zu hören, und natürlich ein schweres Defizit hat, wird sie immer unrunder, unruhiger, verwirrter, und versucht dies durch immer größere Aggressivität zu kompensieren. Siehe auch:

https://novizeigor.wordpress.com/2019/09/14/jedem-seine-hysterie/

Verzweifelt versucht sie sich, nach „oben“ zu entwickeln (freilich nur unbewusst, hilflos) und bleibt doch immer in der gesellschaftlichen Horizontale, in einem eindimensionalen Koordinatensystem, das nur noch „links“ und „rechts“ kennt, gefangen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Entwicklung einigen Machthabern, der Hochfinanz etc, zupass kommt. Denn was ist einfacher zu kontrollieren als eine Gesellschaft ohne Gewissen, was ist besser manipulierbar als ein Mensch mit verkrüppeltem Innenleben? Einem solchen Menschen kann man einreden, dass man das „Gute“ erlange, indem man einfach die „böse“ gesellschaftliche Konvention (Nazis! Verschwörungstheoretiker! , wobei natürlich jeder „Nazi“ ist, der einem nicht passt, oder auch Illuminati!, Freimaurer!, Kommunist! etc, etc…) durch die „gute“ gesellschaftliche Konvention ersetzt: „derstandard!“ orf! ARD! ZDF!

Das haben wir doch schon immer gewusst, dass wir die Meinung der Massenmedien in unser tiefstes Innerstes aufnehmen sollen, oder? Leider findet man diese Entwicklung auch bei unkritischen Christen, wo hier Pater Hagenkords blog unrühmlich erwähnt werden soll. Aber dazu ein anderes mal.

Es ist klar, dass, wenn die Goldreserven des Gewissens aufgebraucht sind, die Währung der Moral Inflation erleidet. Wir merken, wie ranzig- moralinsauer ehemals liberale Medien daherkommen und wie wenig wert diese Moral noch ist – kein Wunder, wenn die Währungsgrundlage nicht mehr das Gold des Gewissens, sondern das vergängliche Wort der Gesellschaft ist! Das eben das Papier nicht wert ist, auf dem es gedruckt wurde.

Hier, sehr verehrter Pater Hagenkord, haben wir eben jene Angleichung an die Welt, die es Ihrer Meinung nach ja gar nicht gibt. Aber lassen wir den den guten Hagenkord beiseite, er ist ja auch nur ein kleiner Fisch.

Fragen wir uns lieber: Was tun.

Ich habe kein Patentrezept. Und darum nur ein kurzes Schlusswort der Hl. Theresa von Avila, das uns wiederum Anfang sein könnte:

Nichts beunruhige dich,

nichts ängstige dich,

wer Gott hat, dem fehlt nichts.

Nichts beunruhige dich,

nichts ängstige dich:

Gott allein genügt.

 


2 Responses to “Kollektivierung des Gewissens”


  1. November 6, 2020 um 12:12 am

    Habe mir schon lange vorgenommen, diesen Text zu kommentieren. Wie immer hast Du das Thema von vorne bis hinten durchleuchtet und es bleibt nicht viel übrig, das man hinzufügen könnte.
    Zusammenfassend könnte man sagen: Gut gemeint ist selten gut getan bzw. Die Revolution frisst ihre Kinder.

    Den Urvätern der Aufklärung – allen voran Kant – war es ein Anliegen, den Menschen das Denken und die Freiheit beizubringen, um sie vom System zu befreien ( das leider auch von der Kirche unterstützt wurde ).

    Aus dieser kleinen Blüte einer Alternative zum System wurde aber im Lauf der Zeit selbst ein System – eine wuchernde Dornenhecke, die uns zu ersticken droht.

    Die meisten Politiker sind schlicht zu dumm für ein freies Volk und haben lieber ein Marionettenspiel als freie Darsteller.

    Meint
    Euer Christoph

  2. 2 Kardinal Novize Igor
    November 10, 2020 um 12:50 am

    @Yeti

    Das Volk kann freilich auch recht wenig mit Freiheit anfangen. Meine Theorie dazu ist dir bekannt: Der Glaube, das Metaphysische, das Über-Irdische ist weg. Dadurch sinkt nicht zuerst der Ethos, sondern die Intelligenz. Nämlich die Meta-Intelligenz des Mystischen. Dann kippt das Biotop der Moral.

    LG KNI


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