Archive for the 'Lyrik' Category

08
Feb
11

zeitalter der abklärung?

Auf die Frage, welchen Zweck es habe, die Zeit in Zeitaltern zu kategorisieren, und ob das nun ein Versuch sei, die Welt zu erklären (wieder einmal), würde ich antworten, dass das Definieren eines Zeitalters, sei es nun Renaissance, Barock, Aufklärung, Romantik……eine stilistische Einordnung darstellt, die ungefähre Abgrenzung einer geistigen Modewelle (die freilich recht niedrige Frequenzen aufweisen, so ca. eine Schwingung pro 50 Jahre); dass also die Beschreibung eines solchen Zeitalters die Welt nicht zu erklären versucht (was ja zum Scheitern verurteilt wäre), sondern vielmehr das Vorhandene beschreibt, vor allem: Die Anschauung der Menschen auf die Welt (und auch das nur in der Tendenz).

Oder so:  Nicht die Welt wird erklärt, sondern, im besten Fall, wie die Menschen versuchen, sich in jener Zeit die Welt zu erklären. So sehr es uns auch an Welterklärungen mangelt (es gibt keine); der Versuche hierzu gibt es zur Genüge.

Um zur Sache zu kommen: Das aktuelle Zeitalter scheint mir ein Gegenstück zur Aufklärung zu sein, nicht aber das komplette Gegenteil.

Die Vernunft nimmt einen großen, fast schon hypertrophen Stellenwert ein, ohne derethalben gefeiert zu werden, wie das in der Aufklärung der Fall war; eine Vernunft ohne Pathos, sozusagen. Der Ersatz für Letzteres wird in Distanz und Zynismus gefunden: Im Gegensatz zur Pionier-Stimmung der Aufklärung herrscht Endzeit-Lethargie.

Alles in allem trifft es das Wort Abklärung recht gut:

Wir befinden uns im Zeitalter der Abklärung.

ABklärung im Gegensatz zu AUFklärung.

Wir haben alles verstanden. Die Vernunft haben wir passiert, jetzt liegt sie hinter uns. Was wir nicht verstehen, das ist nicht zu verstehen, es liegt im Bereich des Chaostheoretischen; im Zufall.

Darum ist uns fad. Der letzte Witz ist erzählt. Wir sind abgeklärt.

Wie jedes andere Zeitalter auch, hat die Abklärung mehrere voneinander unabhängige Wurzeln, die aber im Resultat ineinander greifen.

In der Kunst: Wir leben im wohl ersten Zeitalter, in der Provokation schlicht unmöglich geworden ist. Die vollkommene Durchsetzung der Aufklärung hat hat Ruhe und Frieden zwischen Kunst und Bevölkerung geschaffen. Friedlich existieren Iron Maiden, Lars von Trier und der ex-adelige Lodenmantelträger parallel vor sich hin, ohne Reibungspunkte.

Sich nicht provozieren zu lassen, ist wohl das Signum der Abklärung schlechthin.

So friedvoll die dadurch entstandene Ruhe sein mag:  Sie ist von blanker Ignoranz kaum mehr zu unterscheiden. Die Abstumpfung wird spürbar.

Also sind die Künstler gezwungen, sich auf andere Weise des Publikums zu versichern. Die Zielgruppen-Kunst ward geboren. Ein jeder bedient sein Publikum: Das Musikantenstadl die unterste Schicht, Glattauers, Franzobels und Kehlmanns schreiben gängige, unterhaltsame Büchlein, die sicher nicht schlecht sind, aber nicht wirklich Anspruch auf das große Neue erheben.

Überhaupt ist „eine Geschichte erzählen“ wieder sehr en vogue, der experimentelle Roman eher etwas böses. Man könnte auch von der freiwilligen Wiederkehr des Biedermeier sprechen.

Marlene Streeruwitz und Co. bedienen ihre feministische Klientel; jede Zielgruppe hat ihren Künstler. Bei einem Film weiß man zumeist nach fünf Minuten, welche Zielgruppe er bedient.  Damit erweist sich die Kunst wieder einmal als Kind ihrer Zeit, und es ist jene des untergehenden Neoliberalismus, der die Menschen in Konsumentengruppen einteilt. Dazu später.

Interessant wäre, zu diskutieren, warum das Ende der Provokation nicht eher zu einer radikalen Hineinwendung in das subjektive „Ich“ gefunden hat, in eine Versenkung in den eigenen Geist. Vielleicht deshalb, weil Kunst und Kontemplation nicht ein und dasselbe ist. Weil Künstler und Mönche nicht die selben sind. Weil sich das Innerste nicht ausdrücken lässt. Und, bösartige Unterstellung meinerseits: Weil sich die meisten dieser künstlerischen und eben durch diese Zeit emporgeschwemmten Langeweiler vor einer Konfrontation mit dem Innersten Ich fürchten. Da würden sie nämlich Dinge sehen, die ihrer Abgeklärtheit bald den Garaus machen würden.
Zu guter Letzt sei freilich, um dem totalen Kulturpessimismus vorzubeugen, gesagt, dass sich jede gute Kunst immer über ihre Zeit erhebt.  Den qualitativen Filter haben andere Jahrhunderte anzulegen. Nur wenige Namen werden, wie von den anderen Jahrhunderten auch, zurückbleiben. Die nämlich, die ebensowenig ihrer Zeit verhaftet sind, wie Beethoven dem Biedermeier. (Zur Zeit Beethovens war der berühmteste Komponist ein Herr Kotzebue. Der freilich hat streng nach der Mode komponiert…). Aber, wie gesagt, ein paar Namen werden verbleiben….

 

In der Politik: Seit mehr als 60 Jahren herrscht in Europa Friede und einigermaßen Gerechtigkeit. Wir leben sozusagen in der besten aller Zeiten.

Um nun diese Gerechtigkeit zu stabilisieren, wurden juristische Institutionen geschaffen, die sich um Lauf der Zeit auf ein gigantisches Maß gebläht haben. Auf einen Techniker/Naturwissenschafter kommen 10 Wirtschafter und Juristen, die das von jenem einen produzierte Gut verteilen und verwalten (und dabei selbst am besten verdienen). Und langsam droht das System, das beste aller Zeiten, zu kippen. So weit, so paradox.

Nun, das ist das Resultat des Größenwahns, für jegliche Eventualität vollkommen konsistente Gesetze entwickeln zu können. Hätte man Gödel gelesen, wüßte man, dass das nicht geht. Ein Wahn, der sich aus wiederum aus der Hypertrophierung der Vernunft ableitet. Nur, wer die eigene Vernunft für anfehlbar hält, maßt sich an, das ganze Leben bis ins kleinste Detail zu reglementieren.

Damit kommen wir zum abklärerischen Element: Kein Mensch glaubt an eine wesentliche Änderung dieses verfetteten Systems, das der gesamten Gesellschaft die eigene Trägheit aufzwingt. Man erstickt zwar in kryptischen  Formularen und sinnlosen Gesetzestexten, deren Vollzug einem in ritueller Genauigkeit aufgebürdet werden, aber es verschafft doch eine gewisse Sicherheit, eine Bequemlichkeit.

Diese Bequemlichkiet, gepaart mit der Resignation, nichts ändern zu können, ein leichter Zynismus über allem, ist natürlich typisch abklärerisch. Das Wesen des Phlegma leuchtet da durch: „Es ist zwar alles schlecht, aber doch nicht SO schlecht, dass wir nicht darüber lachen könnten.“

Und keine Frage, diese Einstellung ist menschlich, sogar positiv-menschlich, sie verhindert Kriege, sie nimmt sich selbst nicht wichtig, sie ist sozusagen verzeihend, droht aber immer ins Ignorante abzustürzen.

Ein weiteres Paradox ergibt sich daraus: Dass man just jenen Institutionen, die man verachtet, als einzigen das Potential zur gesellschaftlichen Wandlung zutraut: Die Lehrer, also die institutionalisierten Arschlöcher der Nation, sollen sich um die ganztägige Erziehnung der Kinder samt Persönlichkeitsbildung kümmern, ein Arschloch von Lehrer soll mein Kind zu klein-Mozart machen;

die unbeweglichsten Institutionen sind ausgerechnet die Gewerkschaften, die ja eigentlich Revolutionäre von Berufs wegen sein sollten;

In jener Zeit der „großen Freiheit“ traut man sich kaum mehr, irgendeine eigenständige Aktion zu starten, weil man sonst gegen 50 000 Paragraphen verstößt (die man freilich alle nicht kennt) usw. usf.,

und über all dem thronen die farblosesten Politiker aller Zeiten.

Wozu schreib ich das? Das wissen wir doch schon allle! Weil: Wir sind abgeklärt! Wir wissen doch alle schon alles! Und ändern können wir doch nichts!

Aber interessant, wie über all dem der Duft der Kaffeehaus-Revolution liegt. Weil: Jedes Zeitalter trägt ja schon die Wurzel des Gegen-Zeitalters in sich.

Und zu guter Letzt: Das Zeitalter der Abklärung in der Religion.

Natürlich hat es die an Religion Desinteressierten immer schon gegeben. Neu ist allerdings, dass diese automatisch dem Agnostizismus zugeordnet werden bzw. einfach in diesen hineinfallen, während diese in früheren Zeiten doch oberflächlich-lustlos den katholischen Riten gefolgt sind.

Da wirkt unser Zeitalter ehrlicher. Ist es diesbezüglich wohl auch. Andererseits fällt aber immer wieder die atheistische Heldenpose auf, als ob es ein unfassbares Lebensrisiko wäre, sich heute zum Atheismus zu bekennen. Als ob der atheistische Geistesheld Leib und Leben in seiner zu 85% so wie er denkenden Gesellschaft riskieren würde, wenn er seine ach so total neuen Erkenntnisse über das flying Spaghetti-Monster und „42“ usw. vor seiner Gesellschaft nach dem dritten Mojito preisgibt. Tatsächlich ist es eher umgekehrt: Als Katholik riskiert man mehr, wenn man sich „outet“.

Ja, auch diese Ehrlichkeit ist kompensiert worden.

Tatsächlich ist den meisten Religion aber nur wurscht. Abgeklärt.

Andererseits auch wieder nicht. Da brökelt die Pose: Da scheint die Frage nach dem Höchsten immer noch interessant zu sein, denn kaum fängt man mit religiösen Themen an, hören 5 Leute gebannt zu. Es ist einfach nur so, dass die Agnostiker stilgebend geworden sind. Stil ist aber Oberfläche und drunter siehts ganz anders aus.

Ein Indiz dafür ist aufkommende Esoterik, die meistens wieder, ganz zeitkonform, in irgendeinem Wellness-Schas abgleitet. Logisch: Dinge wie „inneres Ringen“, „die Gottesgeburt im Seelengrund“, die „Kontemplation in der dunklen, der fürchterlichen Nacht“ sind dann doch zu straight.

 

so, das wollt ich Euch sagen, aber da könnte man noch lange drüber schreiben…..



04
Jun
10

Gute Nachrichten

Es geht bergauf!

Die Regierungen haben ein Finanztransaktionsgesetz beschlossen, das international greifen soll.

Die Auswirkungen sind schon spürbar: Die Schulden sinken, die Staaten kaufen sich Banken, deren Gewinne dem Volk zugute kommen. Derivate und CDS- Credit Default Swaps werden verboten. Den Leuten gehts gut. Zwar gibts kaum mehr Superreiche, aber jeder hat seine Eigentumswohnung, sein Happipappi und seine Kurzweil.

Der Vollbeschäftigte geht nach seinem schönen 6-Stunden-Tag noch ein wenig spazieren. Schließlich ist Frühling. Vor allem: Die Menschen haben keine Angst mehr. Durch den technischen Fortschritt ist es möglich, dass jeder genug zu essen, zu trinken, und zu Wohnen hat.

Auf den Wirtschaftswettbewerb wird geschissen. Diese Form des Krieges ist abgeschafft worden.

Ja, und weils den Leuten so gut geht, brauchen sie auch nicht mehr auf niedrigstem sozialpolitischem Level um ihr Überleben kämpfen. Statt über der Frage „Wie bekämpfe ich die Ungerechtigkeit“ zu brüten,weil es gibt eigentlich kaum mehr eine solche, widmet man sich der Kunst, der Philosophie. Aber auch da ist viel weggefallen, womit man sich beschäftigen könnte, weil: Sozialkritische Kunst oder Philosophie braucht auch keiner mehr, logischerweise.

Ist den Leuten deshalb fad?
Oh nein, denn erstens fängt Kunst dort erst richtig an, zweitens haben die Leute genug zu tun:

Sie kontemplieren Tag und Nacht über die Herrlichkeit des Herrn.

Die paar Wirtschaftler, die’s noch gibt, weil man sie zur Verwaltung braucht (sind eher die Behinderten), holen sich bei den Kontemplationsmeistern Rat.

Autos sind mega-out. Auf die Geldfalle Auto „Ich brauch ein Auto, um zum Job zu fahren – Ich brauch einen Job, um mir das Auto zu leisten“ fällt keiner mehr herein.

Darum gibts auch mehr als genug Erdöl für die Medikamente, Kunststoff usw. für die nächsten 1 000 000 Jahre.

25% Der Menschen arbeiten in der wissenschaftlichen Forschung – kein Wunder: Erstens geht dort was weiter, zweitens: Wenn jeder nach 6 Stunden von der Arbeit nach Hause geht, braucht man halt viele Leute, um dieselbe Arbeit zu erledigen. Keine Überstunden mehr! Außerdem ist es einfach lustig. Und darauf kommts an.

Verwaltung ist, wie gesagt, out.

Die paar G’schaftlhuber, die unbedingt was verwalten wollen, dürfen Phantasie-Akten auf den leeren Autobahnen (die braucht keiner mehr) zu Fuß hin und her tragen. Aber wie gesagt, das sind eher die Verhaltenskreativen, die zum Kontemplieren zu blöd sind. (Andere picknicken auch gerne dort oben.

Auch die Kirche hat die Verwaltung abgeschafft. Braucht man auch nicht. Priester sind die Entspannten, die dauernd in der Kirche umatum liegen, und dort kontemplieren oder unter dem Allerheiligsten schlafen. Auch Liebespärchen knutschen gerne in den Domen umatum, die Priester sehn’s und freun sich sehr.

So, jetzt hat der Herr Pfarrer genug meditiert, er holt sich ein Bier aus der Pfarrküche und setzt sich aufs Bankerl vor der Kirche und schaut auf den Kirschbaum. Da kommt auch schon der alte Sandler, der kriegt auch ein Bier, setzt sich auch aufs Bankerl, und dann schaun beide auf den Kirschbaum.

Ja, Sandler gibts noch, die machen das aber freiwillig.

Weil: Das Leid ist ja nicht abgeschafft, das gibts! Ich schreib hier ja keine Utopie! Nur: Macht uns das Leid was, wenn wir Zeit haben, und darüber kontemplieren können? Nein!

Das Leiden, das wissen alle, bis auf ein paar behinderte Wirtschaftler, gibt dem Leben ja die Farbe! So wie der Kirschbaum da!, sagt der Sandler zum Herrn Hochwürden. Der fragt: „Willst noch ein Bier?“

Und eigenartig, auch das Altern schreckt keinen mehr. Irgendwie haben die Leute auch die Schönheit des Alters, der Krankheit….erkannt. Ein altes Gesicht erweckt in den meisten Menschen Bewunderung und Freude über die Weisheit.

Und wenns regnet: Auch wurscht. Habts ihr schon einmal gesehen, wie schön ein Regen sein kann? Wie die Blätter im tiefen Grün glänzen?

Außerdem: „Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.“ (Offenbarung 22)

Das ist nicht die Welt, wie sie sein könnte, sondern wie sie IST.

16
Okt
07

Lyrik-Gedichte

Nebelschwaden fragen

 

 Nebelschwaden fragen

Schwappen grau

Staub altes Wasser, kolloide

Tropfen und Kaulquappen

über Stiegen

träge Stiegen

Rinnen, worauf diese

Im Triefen liegend schliefen

 

Nebelschwaden fragen

Laub und Grab

Und Waldsaum trauern schizoide

Dort, ein Platz, im Knappen

unterm Frieden

schiefer Frieden 

Zwischen feuchten Stiefeln:

In diesen friert das Nieseln

 

Nebelschwaden fragen

 

(möglichst langsam vorzutragen)